Hans Jüngling - November 2006
Es ist schon lange her, da äußerte ich einmal an der Volkshochschule, wo ich in dieser Zeit Vorträge über historische Themen hielt, den Wunsch, mein Publikum mit dem Go-Spiel bekannt zu machen. Go ist ein Brettspielt, das vor weit über zweitausend Jahren in China erfunden wurde, später dann nach Japan kam und von dort weg in die ganze Welt. Überal dort, wo es Menschen gibt, die scharfes Denken lieben, ist es bekannt. Es ist die genialste Erfindung auf dem Gebiet geistigen Wettkampfes auf einem Spielbrett, die je gemacht wurde. Wenige, klassisch einfache Regeln ergeben eine unvorstellbar große Anzahl von Möglichkeiten.
Der leitende Beamte sagte sofort zu, ja, er machte mir zu meiner großen Freude den Vorschlag, ich sollte einen Go-Klub der VHS gründen. Einen besseren Vorschlag konnte man mir nicht machen.
Meine Frau war damals Lehrerin. Wir hatten zwei Kinder, für die wir eine Betreuung brauchten. Da traf es sich sehr gut, dass wir in Wien bei einem Go-Kongreß eine Japanerin kennengelernt hatten, und noch dazu eine, die im Go-Spiel Meisterin des dritten Grades war. Sie hatte vor, einige Zeit in Österreich zu bleiben, um hier ihre Kenntnisse der deutschen Sprache zu perfektionieren.
Mit ihr zusammen habe ich den Go-Klub der VHS gegründet, durch den viele geistig interessierte Menschen, viele schöne Stunden hatten und haben.
Die Eröffnung des Klubs war sehr eindrucksvoll. Der große Raum in der VHS konnte die Zahl der Interessenten gar nicht fassen. Viele standen zur Türe hinaus. Yukiko im eleganten Kimono stand vor dem großen magnetischen Demonstationsbrett und hielt am Rednerpult eine Begrüßungsrede - die ich sofort simultan übersetzte.
Meine Schüler, die in großer Zahl anwesend waren, konnten sich nicht genug wundern. Sie wußten ja nicht, dass ich damals noch kein Wort Japanisch konnte, und das, was ich dem Publikum zu sagen hatte am Vortag eingelernt worden war.
Ein paar Tage darauf aber war es an mir, aus dem maßlosen Staunen nicht herauszukommen. Die Yuki (Chikamatsu Yukiko mit vollem Namen) hat sich herabgelassen, mit mir eine Partie Go zu spielen. Ich bekam neun Vorgabepositionen, da ich ja der weitaus Schwächere war.
"Ich verbinde diese Positionen einfach miteinander", so dachte ich. "Dann hat die Yuki keine Chance mehr."
Es kam natürlich anders. Sie konnte Zug um Zug ihre Position verbessern, und zuletzt blieb mir nichts anderes übrig, als sie kleinlaut zu fragen, mit wievielen Punkten ich nun das Spiel verloren haben werde.
"Sie haben nicht verloren. Sie haben mit einem Punkt gewonnen."
Ich war verblüfft. "Wir haben ja noch gar nicht gezählt."
"Zählen Sie nach!"
Tatsächlich: Sie hatte recht. Auf einem Brett mit 361 Schnittpunkten, und unzählig verschiedenen Möglichkeiten, sie zu besetzen! Wer das begreifen kann! So eine gewaltige Verstandesschärfe! Für mich unfaßbar.
Im Laufe der Jahre hat mein Klub nicht nur daheim floriert. Auch nationale und internaltionale Turniere haben wir erfolgreich bestritten. Nachdem ich aus Altersgründen die Obmannschaft an meinen Freund Toni Steininger abgegeben hatte, ist der Klub mehr als aufgeblüht denn je. Toni hat sich mit größter Liebe und größtem Einsatz darum bemüht.
Und nachdem er - für uns ein arger Verlust - nach einer schweren Krankheit starb, ging die Leitung an die junge Generation über. Dipl. Ing. Stefan Fischmeister ist heute der Obmann. Alle helfen wir mit, dass der Klub weiterhin gedeiht. Einen sehr großen Anteil daran aber hat ein Mann, der heute auch nicht mehr lebt. Es ist Herr Ing. Otto Schmid, ein hervorragend guter Go-Spieler, der durch seine Tüchtigkeit und seine sympathische Art uns allen sehr abgeht.
Ich selbst gehe noch als einfaches Mitglied zu den Spielabenden, weniger um Spiele zu gewinnen als vielmehr, einfach dabei zu sein und ab und zu interessante Beobachtungen zu machen.
Kürzlich habe ich mit einer jungen Dame, die ich bisher noch nicht kannte, einige Partien gespielt, Ich hatte die Frechheit ihr Vorgabe vorzuschlagen - worauf ich dann das Spiel verlor - und daraufhin gleich zwei weitere. Was hat ihr diese Serie von Siegen verschafft? Sicherlich einmal ihr Können. Dann auch die Vorgabe. Am meisten aber wohl die harmonischen Züge ihres schönen Gesichtes, die mich ununterbrochen vom Spielbrett ablenkten.